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»Am Rande bemerkt -– Anmerkungspraktiken in literarischen Texten«

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Event »Am Rande bemerkt -– Anmerkungspraktiken in literarischen Texten«
Begins June 29, 2006
Ends June 30, 2006
Papers June 1, 2006
Ab.
Country Germany
State
City Erfurt
Email bemetz@zedat.fu-berlin.de
Category Arts: Literature
Category 2 Science: Visual Languages
Category 3 Arts: Design
Exhibits N
Organization
Contact Universität Erfurt Nordhäuser Str. 63 99089 Erfurt
URL http://www.typothese.de/workshop
Venue Universität Erfurt, Kleiner Senatssaal
Description Seit Noten in literarischen Texten Verwendung finden,* haben sie sich als enorm vielfältig
erwiesen. So dienen sie nicht nur zum Ausweis bibliographischer Daten und Quellenangaben,
zum Nachweis von Zitaten oder zusätzlichen Informationen, für Erläuterungen
erklärungsbedürftiger Textteile, Kommentare und Spezifikationen bis hin zu Übertragungen
fremdsprachiger Textelemente, sondern in ihren interessantesten Ausprägungen auch dafür,
narrative Linien zu übernehmen, zu unterbrechen oder sie zu vereiteln. Gerade ihre dys- und
kontrafunktionalen, sinnentstellenden, lektüreverlangsamenden und -verhindernden Fähigkeiten, ausgelöst z.B. durch leere oder falsche Noten, irreführende Bezüge oder gar Noten ohne Text, stellen sowohl ein lineares Textkonzept als auch die gängige Definition von
›Para‹-Textualität in Frage.

Noten sind als marginale Textelemente, die grenzregelnde und liminale Aufgaben übernehmen, dabei immer mit einer Doppelfunktion versehen; sie verbinden und trennen, stiften und verhindern Verbindungen zwischen Text-Text und Text-Leser, regeln Hierarchien, konstituieren Wertungen und ziehen Unterscheidungen ein (oben/unten, wichtig/unwichtig, zentral/marginal), die oftmals gerade diese Unterscheidungen wieder ad absurdum führen. Dadurch werden sie durch eine paradoxe Doppelbewegung charakterisiert: Noten operieren zum einen wie andere integrierte Anmerkungen (eingeklammerte, durch Kommata – oder Parenthesen – abgesetzte Textteile) als Erweiterungen, Einschübe, Amplifikationen ihrer Bezugstexte; zum anderen verschlanken und komprimieren sie den ihnen zugeordneten Text, konzentrieren ihn auf das Wesentliche, verdichten und verknappen ihn, während sie selbst das Sekundäre, Ephemere, Nebensächliche, Marginale, Belanglose, Unwichtige und Dezentrale inkorporieren und damit auslagern. Auf diese Weise reduzieren und amplifizieren Noten Texte gleichermaßen. Notentexte könnten somit als
exemplarischer Fall polyphoner, vielschichtiger und dichter Literatur gelten, was zu einem
unkonventionellen, nichtlinearen, kursorischen Lesen nicht nur einlädt, sondern ein solches
geradezu erfordert.

Der Workshop interessiert sich für die funktionale Vielfalt von Anmerkungspraktiken
und deren semiologische Potentiale, die in unterschiedlicher Weise in der Erzählliteratur
realisiert werden. Folgende Aspekte könnten Untersuchungsgegenstand sein:

– Organisation von Erzähl- und Diskursebenen
– Topographien und Schauplätze; Performanz des Erzählten: Der Text ›führt sich auf‹,
›inszeniert sich‹, ›drückt sich aus‹
– Rand und Zentrum, Ergon und Parergon
– Problematisierung und Parodisierung von Übersetzungspraktiken und Wissenschaftsdiskursen
– infinites Schreiben vs. Disziplinierung des Schreibens
– Manierismus vs. Beschränkung der Form
– Hierarchien des Textes: Autorität, Entmachtung und Subversion
– Fragment und Offenheit vs. kompletter, abgeschlossener, werkhafter Text
– Intra- und Intertextualität, Schreiben als Vernetzung und Selbst-Kontextualisierung
– Verfremdung, Widerspruch, Polyphonie, Ambiguität


* Fußnoten seit gut 300 Jahren, Endnoten schon seit dem 16. Jhdt.; Marginalnoten durch Vorläufer in der handschriftlichen Annotationspraxis entsprechend viel länger, auch im Druck wohl schon Ende des 15. Jhdts.
Additional Information Key Note-Speakers: Michael Cahn (Cambridge) & Friedrich Forssman (Kassel)



 

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